Welches Linux ist das richtige für mich?

Warum ist es so schwer zu verstehen?

Die zwei großen Betriebssystemhersteller (Microsoft und Apple) haben nur ein Betriebssystem, mit einer grafischen Oberfläche, von einem Hersteller (Distributor), für alle Zielgruppen im Angebot. Linux basierende Betriebssysteme gibt es in viele Ausprägungen, für die unterschiedlichsten Zielgruppen, mit einer Vielzahl von grafischen Oberflächen, von einer noch größeren Anzahl von Herstellern (Distributoren). Immer wieder werde ich gefragt: "Welches Linux ist das richtige für mich?" Oft fange ich bei Adam und Eva an, um festzustellen, dass der Fragende schnell aussteigt und mir nicht mehr folgen kann. Mit diesem Artikel versuche ich dem interessierten Laien das Linux Universum zu erklären. Bewusst vereinfache ich meine Erläuterungen in Richtung Desktopsysteme für Endanwender.

Linux: Die Basis

Die Basis eines jeden Betriebssystems ist der Kernel (Betriebssystemkern). Der Kernel stellt die Verbindung von der Software zu der Hardware her. Er stellt die Schnittstelle zu der Hardware (Geräte, Speicher, Prozessoren) her, er kümmert sich um die Speicher-, Prozessor- und Geräteverwaltung und er stellt das Dateisystem zur Verfügung. Linux ist der Betriebssystemkern auf dem die Software aufbauen kann. Von daher gibt es nur ein Linux in verschiedenen Versionen - Weiterentwicklungen. Ohne es zu wissen nutzen wir den Linuxkernel in vielen Geräten z.B. Android Smartphones oder Fritz!Box Router.

Desktop: Die Arbeitsumgebung

Heutige PC Betriebssysteme haben eine grafische Arbeitsumgebung, den Desktop. Nach dem Starten wird der Desktop geladen und wir haben ein schöne grafische Umgebung mit Icons, Mausunterstützung, Sound u.v.m auf unserem Bildschirm. Die großen Hersteller bieten ihren Kunden nur eine Oberfläche an (Microsoft -> Windows; Apple -> OSX). Bei Linux basierenden Betriebssystemen kann man unter vielen Desktops wählen. Um nur die bekanntesten Desktops zu nennen, hier ein kleine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit (KDE, gnome, XFCE). Um das ganze noch unübersichtlicher zu machen, gibt es auch hier verschiedene Versionen (KDE 3,4,5; gnome 2,3), die sich von der Vorgängerversion zum Teil sehr stark unterscheiden. Es gibt Entwickler, welche eine ältere Version abgespalten haben (Fork) und aktiv weiterentwickeln (KDE 3 -> Trinity; gnome 2 -> Mate). Neben dem Abspalten eines Entwicklungszweiges gibt es auch die Möglichkeit die aktuellen Desktopumgebungen zu erweitern, zu verbessern oder einfach zu verändern. Hieraus ergibt sich oftmals ein neues Bedienkonzept und ein neues Aussehen (Cinnamon, Unity). "Welches Linux ist das richtige für mich?", ist vielmehr die Frage: "Welche Desktopumgebung ist die richtige für mich?".

Distributor: Der "Hersteller"

Während die bekannten kommerziellen Desktopumgebungen (Windows, OSX) nur einen Hersteller (Microsoft, Apple) haben, gibt es im Linux Universum hunderte von Herstellern. Da sowohl der Kernel als auch die Desktopumgebung und die übrige Software für Linux frei verfügbar sind, kann jeder diese Softwarepakete zu einem Gesamtpaket zusammenstellen, vertreiben und Support anbieten. Diese Zusammenstellung von Softwarepaketen zu einem Gesamtpaket nennt man Distribution, der Hersteller einer Distribution ist ein Distributor. Manche Distributoren bieten nur für bestimmte Zielgruppen (z.B. Entwickler, Großunternehmen) oder für bestimmte Anwendungsbereiche (z.B. Multimedia, Spiele, Administration) an. Bei der Auflistung der Distributoren erhebe ich ebenfalls keinen Anspruch auf Vollständigkeit (Debian, Red Hat, SUSE, Ubuntu). Die großen Distributoren bieten ihre Softwarepakete zum Update auf Servern im Internet an, so dass jeder Benutzer seinen Computer jederzeit aktuell halten kann. Es gibt auch Distributoren, welche auf den Softwarepaketquellen anderer Distributoren aufbauen oder auf deren Server zugreifen (Fedora, openSUSE, Linux Mint). Manche Distributoren beschränken sich auf eine Desktopumgebung, andere bieten mehrere Desktopumgebungen zur Auswahl an (Flavor, Spins). Während sich Ubuntu auf seinen selbst entwickelten Desktop Unity beschränkt, gibt es mehrere Projekte, welche unabhängig sind, jedoch von Ubuntu zum Teil unterstützt werden und sich auf andere Desktopumgebungen konzentrieren (Xubuntu -> XFCE, Kubuntu -> KDE, ubuntu gnome -> gnome 3, ubuntu mate -> Mate). "Welches Linux ist das richtige für mich?", ist somit auch die Frage: "Welche Distribution ist die richtige für mich?".

Der Computer: Das zu Hause des Betriebssystems

Wir kennen es ebenfalls von den großen Herstellern, Windows läuft nicht auf einem Mac von Apple und OSX läuft nicht auf einem Windowsrechner. Auf einem 5 Jahre alten PC bekomme ich kein Windows 10 installiert, der Rechner ist einfach zu alt. Ebenso ist es bei den aktuellen Desktopumgebungen KDE 5 oder gnome 3 haben bestimmte Anforderungen an die Hardware. Eine große Anzahl von Distributoren haben sich jedoch zur Aufgabe gemacht, alten Rechner eine zweite Chance zu geben und haben ihre Distribution für alte Rechner optimiert. Hierbei greifen sie auf frühere Versionen der großen Desktopumgebungen zurück oder bedienen sich kleinerer resourcenschonender Lösungen (Lubuntu, Puppy Linux, wattOS). "Welches Linux ist das richtige für mich?", hängt von der Frage ab: "Wie aktuell ist meine Hardware?".

NEIN: Geiz ist nicht geil!

Selbst bei dem billigsten Drucker ist ein Windows Treiber auf CD dabei. Doch oftmals ist auch dieser Treiber schon "mit der heißen Nadel gestrickt". Man bekommt diesen Drucker vielleicht noch irgendwie zum Laufen, aber glücklich wird man damit nicht. Mac Benutzer hätten dieses Gerät garnicht gekauft, da sie wissen, dass sie es nicht zum Laufen bringen. Bei solchen Billigprodukten machen sich die Linux Entwickler überhaupt nicht die Mühe entsprechende Treiber zu programmieren. Somit kommt es immer wieder vor, dass das linuxbasierende Betriebssystem die Netzwerkkarte, den Scanner, den Drucker oder den Monitor nicht unterstützt. Auch bei sehr neuen Geräten kann es sein, dass noch kein Treiber für das neue Gerät programmiert wurde. Es dauert halt noch etwas. Aus diesem Grunde ist eine Recherche vorab, bei der Anschaffung von neuen Geräten, anzuraten. Die Frage lautet also nicht "Welches Linux ist das richtige für mich?", sondern: "Läuft Linux überhaupt bei mir?".

Der Versuch einer Antwort

Abschließend versuche ich nun die Frage "Welches Linux ist das richtige für mich?" zu beantworten. Vorab möchte ich eine Einschränkung machen! Gehören sie zu der "Geiz ist geil" - Fraktion, dann lassen sie die Finger von Linux. Nur weil viele Distributoren ihr Betriebssystem zum kostenlosen Download anbieten, heißt es noch nicht, dass Linux eine Billiglösung ist. Benutzen sie einfach ihren Windowsrechner weiter. Suchen sie jedoch ein stabiles und sicheres Betriebssystem, welches sie nicht ausspioniert und über Jahre ständig aktualisiert wird, dann sind sie bei Linux richtig. Die Frage lautet nicht "Welches Linux ist das richtige für mich?", sondern: "Bin ich der richtige für Linux?". Sich für Linux zu entscheiden ist eine bewusste Entscheidung. In diesem Fall sollten sie sich zuerst einmal die verschiedenen Desktopumgebungen ansehen. Hierbei geht es vor allem um die Handhabung. Was liegt ihnen am ehesten? Danach suchen sie sich einen Distributor aus, der ihnen die Desktopumgebung mit aktueller Software zur Verfügung stellt und auch langfristig auf dem Markt verfügbar sein wird. Stöbern sie in den Support Foren und Wikis der entsprechenden Distribution ob sie hier zu Fragen entsprechende Antworten finden. Sehen sie in den Wikis nach, ob ihre gesamte Hardware unterstützt wird. Bei geplanten Neuanschaffungen achten sie darauf, dass entsprechende Unterstützung gegeben ist. Viele Distributionen gibt es als so genannte Live CD. Hiermit können sie ohne Installation testen, ob die Distribution auf ihrem PC läuft und alle Geräte erkannt werden. Besuchen Sie im Internet den Distrochooser.

Mein persönlicher Linux Werdegang

  • SUSE Linux mit KDE 2
  • SUSE Linux mit KDE 3
  • Knoppix mit KDE 3 basierend auf Debian
  • Debian mit KDE 3
  • Ubuntu mit KDE 3
  • Ubuntu mit gnome 2
  • Ubuntu mit XFCE
  • Ubuntu mit gnome 3
  • elementaryos basierend auf Ubuntu

Mein Linux Lebenslauf (Teil 1)

Meine "Reise" durch verschiedene Distributionen und Desktops

Seit Mitte der 90er Jahre beschäftigte ich mich mit Linux. Die Idee eines freien Betriebssystems, an dem Entwickler aus der ganzen Welt mitarbeiten, faszinierte mich. Im Jahr 2000 erwarb ich meine erstes Suse Paket. Damals war Suse noch ein deutscher Distributor. An Download war zu dieser Zeit kaum zu denken, da von DSL noch keiner zu träumen wagte. Dieses Suse 6.4 Paket kam noch mit einer KDE 1 Version. Aber immerhin eine grafische Oberfläche. Die Installation ging mit einigen Tücken schon recht gut, die Hardwareunterstützung ließ jedoch Freiraum für Wünsche und Träume. Nach mehreren Updates und Neuinstallationen schien Suse 7.2 meine Erwartungen an ein Betriebssystem zu erfüllen. Im Jahre 2002 kam mit Knoppix eine interessante Neuerung - die Live CD. Interessant war nicht so sehr die Tatsache, daß die CD ohne Installation lief. Das war doch eher eine sehr mühselige Arbeit bei der geringen Speicherbestückung meines Rechners. Jedoch gab es ein einfaches Installationsscript, mit welchem man aus dem laufenden System innerhalb von einigen Minuten eine Neuinstallation auf seine Festplatte bekam, also keine langen CD wechsel Orgien mehr. Man startete das System von CD, testete ob alles funktioniert, klickte auf einen Button, füllte ein paar Felder aus und hatte in einer halben Stunde einen neu installierten Rechner. Auf diese Weise kam ich über Knoppix auch zu Debian. Irgendwann im Jahre 2003 stellte ich fest, daß mein Windows 2000 Rechner seit Monaten ungenutzt in der Ecke herum stand. Das war für mich das Zeichen, daß Linux eine echte Alternative zu anderen Betriebssystemen ist. Seither nutze ich privat nur noch Linux. Windows habe ich nur noch beruflich bei den Kunden genutzt. Im Oktober 2004 kam mit Ubuntu ein neuer Mitbewerber auf den Markt der Distributionen. Klar, daß ich mir diese neue Distribution gleich angesehen habe. Ich konnte mich jedoch nicht mit Gnome als Desktop anfreunden - war ich doch bisher KDE gewohnt. Es dauerte noch 2 Jahre, bis mit der Version 6.06 eine für mich vernünftige Alternative zu den bisherigen Distributionen heraus kam. Mit (K)ubuntu kam dann auch eine KDE Version. Seit 2006 nutzte ich also Kubuntu - die Ubuntu Version mit KDE als Desktop. Im Jahr 2008 kam die Wende. KDE brachte die KDE 4 Version heraus und Kubuntu war nur noch mit KDE 4 zu bekommen. KDE 4 gefiel mir garnicht und so machte ich dann doch den Wechsel auf Gnome. Gnome war im Vergleich zu KDE 4 schlicht, doch genau das erwarte ich von einem Desktop - Schlichtheit. Aber auch Gnome entwickelt sich weiter. Seit April 2011 ist mit Gnome 3 die neue Version auf dem Markt. Ubuntu hat sich jedoch entschieden nicht voll und ganz auf Gnome 3 zu setzen, sondern begonnen eine eigene Lösung zu veröffentlichen - Unity. Gnome 3 und Unity gefallen mir beide nicht. Somit ist es wieder an der Zeit, den Desktop zu wechseln. Gut, daß es Alternativen gibt! Mit XFCE gibt es einen Desktop, der ebenso ausgereift ist wie KDE oder Gnome, jedoch immer noch so schlicht, wie ich es mir wünsche. Mein aktueller Rechner basiert somit auf Ubuntu mit XFCE 4.8 als Desktop. Jedoch nutze ich nicht das Ubuntu Derivat (X)ubuntu, sondern installiere mir meine eigene Umgebung, mit meiner eigenen Softwareauswahl. Hier ein Screenshot meines aktuellen Desktops. Einfach, schlicht, so wie es sein soll.
XFCE Desktop auf Ubuntu 11.10
Um nicht auf allen Rechnern sämtliche Anpassungen und Installationen durchführen zu müssen, erstelle ich mir meine eigene Live CD.

Fazit

Viele Linuxkritiker bemängeln an Linux unter Anderem, daß es mehrere Desktops gibt, jeder anders aussieht und sich etwas anders bedienen läßt. Sie verweisen dann gerne auf Windows, welches sich seit Windwos 95 nicht wirklich grundlegend im Look and Feel geändert hat. Doch mit Windows 8 wird sich auch einiges ändern und da gibt es dann keine Alternative.